Gesellschaft im Wandel, Schule im Aufbruch, ich im Chaos: Pädagogischer Themenabend im Grevener Ballenlager

Die weiterführenden Schulen in Greven haben am 14. April 2025 zu einem pädagogischen Themenabend für Eltern, Lehrkräfte und Schüler:innen ins Ballenlager eingeladen.

Unter dem Titel „Gesellschaft im Wandel, Schule im Aufbruch, ich im Chaos“ diskutierten rund 70 interessierte Besucher:innen ab 18:30 Uhr darüber, wie Jugendliche heute gut durch eine zunehmend komplexe Welt begleitet werden können. Referent des Abends war Professor Ullrich Bauer von der Universität Bielefeld, Erziehungswissenschaftler mit den Schwerpunkten ungleichheitsorientierte Sozialisationsforschung sowie Bildung und Gesundheit.

„Wie geht es Jugendlichen heute? Was bewegt sie? Und was heißt das für Schule und Elternhaus?“ – mit diesen Leitfragen eröffnete Bauer seinen Vortrag. Pubertät und Schule seien für sich genommen herausfordernde Phasen. Zusätzlichen Druck erzeugten jedoch gesellschaftliche Lagen, die als instabil, schnelllebig und krisenhaft wahrgenommen werden – von globalen Konflikten über Klimasorgen bis hin zu digitalem Wandel. Ängste und psychische Belastungen nähmen nachweislich zu; viele Jugendliche fühlten sich gestresst, erschöpft und zweifelten an sich selbst. Zur Einordnung führte Bauer die Deutungsrahmen VUCA (Volatilität, Unsicherheit, Komplexität, Ambiguität) und BANI (brüchig, ängstlich, nichtlinear, unverständlich) an. Diese Begriffe beschrieben, wie Gegenwart erlebt wird – und warum Orientierung, verlässliche Beziehungen und lernförderliche Strukturen heute zentraler denn je sind.

„Schule hat die Aufgabe, Kinder und Jugendliche in jener Lebensphase zu begleiten, in der Identität entsteht und Lebensplanung beginnt“, so Bauer. Eine „Schule im Aufbruch“ bedeute mehr als neue Technologien oder Methoden: Es gehe um eine Kultur, die Schutzfaktoren stärkt – Beziehung, Anerkennung, Sinn – und Kompetenzen fördert, die in unsicheren Zeiten tragen. Dazu zählen eine systematische Vermittlung von Methoden- und Lernkompetenz, die aktive Begleitung digitaler Lebenswelten mit Fragen wie „Wie gehe ich mit KI um?“, echte Partizipation, bei der Schülerinnen und Schüler Verantwortung übernehmen, sowie der wache Blick auf Gesundheit. Reizüberflutung und permanente Erreichbarkeit belasten; Schlaf, Bewegung und klare Zeitstrukturen sind wichtige Schutzfaktoren für die mentale Gesundheit. Gerade weil im Jugendalter der direkte Einfluss der Eltern oft abnimmt, gewinnt die Schule als verlässlicher Ort an Bedeutung. Lehrkräfte sind wichtige Ansprechpartner:innen – auch und gerade dann, wenn Jugendliche online gut vernetzt erscheinen, im Alltag mit Sorgen aber doch allein bleiben. Ein Befund, der im Saal zustimmendes Nicken fand: Jugendliche verbringen im Schnitt deutlich mehr Zeit im Internet als mit ihren Eltern – eine Verschiebung, die pädagogische Präsenz in Schule und Jugendarbeit umso relevanter macht.

Im zweiten Teil stand der Austausch im Mittelpunkt. Aus dem Publikum kam die klare Forderung, Methodenkompetenz nicht als Nebenfach zu behandeln, sondern verbindlich zu verankern – von Recherche- und Quellenkritik bis hin zur reflektierten Nutzung Künstlicher Intelligenz. KI-Tools böten Chancen für individuelles Lernen, setzten aber Regeln, Transparenz und Begleitung voraus. Einigkeit bestand darin, dass Vergleichsdruck, Dauerkonnektivität und Reizüberflutung Risiken für die seelische Gesundheit darstellen. Prävention und Aufklärung – etwa zu Schlafhygiene, Pausenkultur und fokussiertem Arbeiten – müssten sichtbarer Teil des schulischen Alltags werden.

Organisiert wurde der Themenabend von einem bereichsübergreifenden Team: Claudia Termöllen-Gausling (Jugendamt Greven), Jens van der Wurp (Anne-Frank-Realschule), Volker Knapheide (Schulleiter Schule an der Ems), Sina Schulz (Gymnasium Augustinianum) und Judith Dall (Nelson-Mandela-Gesamtschule). Zum dritten Mal fand die Veranstaltung im Ballenlager statt – erstmals großzügig gefördert von der Kreissparkasse Steinfurt. Ziel der Initiator:innen ist eine jährliche Wiederholung, damit sich die Vortragsreihe etabliert und der Austausch zwischen Schule, Elternhaus und Stadtgesellschaft nachhaltig gestärkt wird. Für die angenehme Atmosphäre sorgten nicht zuletzt die Q1-Schüler:innen des Gymnasiums, die den Getränkeverkauf übernahmen – ein kleines, aber sichtbares Beispiel gelebter Beteiligung.

Der Abend machte deutlich: Jugendliche brauchen heute beides – Halt und Herausforderung. Sie benötigen Räume, in denen sie sich sicher fühlen, und Aufgaben, an denen sie wachsen können. Schule und Elternhaus stehen gemeinsam in der Verantwortung, diese Rahmenbedingungen zu schaffen. Der Grevener Themenabend hat gezeigt, wie dies gelingen kann: mit wissenschaftlicher Einordnung, praktischen Impulsen und dem Willen, ins Gespräch zu kommen. Oder, wie es ein Teilnehmer auf den Punkt brachte: „Wir können die Welt nicht einfacher machen – aber wir können Jugendlichen helfen, ihren Weg in ihr zu finden.“

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